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Praxistest: Porsche Cayenne 3.0 S E-Hybrid: Vermeintlich oder verkappt?

Spritschlucker? – Mit derartigen Vorurteilen soll Porsches Groß-SUV Cayenne S E-Hybrid aufräumen – dank der Kraft der zwei Herzen mit Benzin- und Elektro-Motor sowie Plug-in-Technik zum externen Laden. Ob er ein vermeintlicher oder vielleicht doch nur ein verkappter Spritschlucker ist, zeigt unser Praxistest. Dass ein Porsche auch als Plug-in-Hybrid Fahrspaß bereitet, beweist der Cayenne S E-Hybrid von den ersten gefahrenen Metern an.  Foto: Porsche

 

(TRD/mid) Der Crossover zwischen Sportlimousine und Geländewagen kann dank Plug-in-Technik an der Steckdose aufgeladen werden und drückt mit Hilfe der Elektro-Antriebsenergie seinen Normverbrauch auf imposante 3,4 Liter auf 100 Kilometer – und das trotz 306 kW/416 PS Systemleistung und dynamischer Fahrleistungen. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Realität derartige Katalogwerte bestätigt oder widerlegt.Jedenfalls können SUV-Fans mit grünem Gasfuß mit dem elektrifizierten Cayenne laut Porsche zum einzigen Plug-in-Hybrid der Klasse greifen. Mit 82.920 Euro kostet der Cayenne S E-Hybrid exakt soviel wie die naheliegendste konventionelle Alternative, der 283 kW/385 PS starke Cayenne S Diesel. Im Vergleich zum Hybrid-Vorgänger hat Porsche den aktuellen S E-Hybrid um 1.000 Euro günstiger gemacht, gleichzeitig die Kapazität der Lithium-Ionen-Akkus verfünffacht und die Leistung des Elektromotors mit 70 kW/95 PS praktisch verdoppelt.

Dass ein Porsche auch als Plug-in-Hybrid Fahrspaß bereitet, beweist der Cayenne S E-Hybrid von den ersten gefahrenen Metern an. Das extrem agile Handling für ein derart hoch aufgeschossenes Fahrzeug mit 2,35 Tonnen Leergewicht unterstützen die tief im Kofferraumboden untergebrachten Akkus, die offenbar Ruhe ins Fahrzeug bringen. Das merkt man vor allem im Sport-Modus, in dem sich der „grüne“ Cayenne spürbar straffer und aggressiver gibt. Gerade dann harmoniert die Antriebseinheit zwischen Hybridsystem und 8-Gang-Tiptronic auf überzeugende Art.

Gleiches gilt für die imposante Schubkraft: 590 Nm Drehmoment liegen zwischen 1.250 und 4.000/min an. Die manchmal übertrieben strapazierte Floskel „knapp über Leerlaufdrehzahl“ trifft hier wirklich zu, und der Benzin-Elektro-Verbund schiebt stets dynamisch an – kolossal von unten heraus und spritzig bei höheren Touren. Nur akustisch müssen die wahren Porsche-Fans unter den Cayenne-Besitzern Abstriche machen: Statt des markentypischen heiseren Röchelns eines Sechszylinder-Boxers hören sie beim S E-Hybrid nur die relativ verhaltenen Verbrennungsgeräusche eines V6 – oder aber im reinen Elektromodus bei bis zu 125 km/h überhaupt nichts. Die emissionsfreie Fortbewegung soll laut Hersteller mit vollen Akkus für 18 bis 36 Kilometer möglich sein. Wir stellten fest, dass selbst mit voller Akku-Ladung (erreichbar an Haushaltssteckdosen nach rund 3,5 Stunden) und bei sparsamer Fahrweise zumindest rund 25 Kilometer drin sind.

Über die „fehlende“ Soundkulisse tröstet vor allem das perfekte Zusammenspiel des Hybridsystems hinweg: Die 333 PS Leistung und 440 Nm Drehmoment des Benziners ergänzen sich geschmeidig mit den 95 PS und 310 Nm, die der Strom-Motor ab der ersten Umdrehung komplett auf den Antriebsstrang wuchtet. Ergebnis: Von 0 auf 100 km/h katapultiert sich der SUV-Koloss in nur 5,9 Sekunden, erst bei 243 km/h ist Schluss. Die von einem Porsche erwartete dynamische Seite des Cayenne S E-Hybrid ist also zweifelsohne vorhanden.

Die gleichzeitig von einem Plug-in-Hybrid mit 3,4 Liter Normverbrauch auf 100 Kilometer zurecht erwartete, sparsame Seite dagegen nur bedingt. Wer aber mit realistischen Erwartungen und einigermaßen zartem Gasfuß an die Sache herangeht, wird sich immerhin über nicht mehr als 10,7 Liter bei Langstreckenfahrten auf der Autobahn mit bis zu 160 km/h freuen. Im Stadtverkehr kommt der Hybrid-Cayenne mit 7,4 Liter aus – und das wohlgemerkt bei nur teils aufgeladenen Akkus, denn nicht alle Piloten werden nach jeder Fahrt gleich wieder aufladen können.

Wo das hingegen problemlos auch ohne jegliche Ladestation geht, hat unsere Langstreckenfahrt von München nach Mailand und zurück gezeigt: Bei der Fahrt vom schweizerischen San-Bernardino-Tunnel (1.613 Meter über Meeresspiegel) Richtung Italien genügte die Bergabfahrt bis Bellinzona auf 238 Meter Höhe, um die Akkus von rund 20 Prozent Ladezustand wieder voll aufzuladen. „Rekuperieren“ nennt man diesen Vorgang, der beim Bremsen oder Bergabfahren ohne Gas die Akkus füllt. Das führt wegen zahlreicher Bremsvorgänge besonders im Stadtverkehr beim Hybrid zu deutlich günstigeren Verbrauchswerten als bei einem ähnlich starken Benziner.

Dass der Cayenne S E-Hybrid auch auf der Langstrecke recht sparsam unterwegs ist, liegt unter anderem daran, dass der Benzinmotor bei 140 km/h nur etwas über 2.000/min drehen muss. Das steigert außerdem das Komfortniveau im großen Porsche-SUV, in dem sich die Passagiere ohnehin wie in Wohnzimmersesseln fühlen – bei sehr gutem Seitenhalt für schnelle Kurvenpassagen. Seit 2014 trägt zum Wolgefühl der Hinterbänkler auch noch deren separate Klimatisierung bei. Auf allen Plätzen genießt man die vom Premium-Fahrzeug erwartete, tadellose Verarbeitung und Materialqualität. Unrühmliche Ausnahmen: Wer Scheibenwischer oder Tempomat betätigt, kommt mit wenig schmeichelndem Hartkunststoff in Berührung.

Die auffallende Agilität wird im Falle des S E-Hybrid sogar durch die 10,8 kWh starken Akkus unterstützt, die schwerpunktgünstig unter dem Kofferraum platziert sind und so zusätzlich Ruhe ins Fahrzeug bringen. Lediglich beim Kaltstart wirkt die Hybrideinheit aus Benziner-V6 und Elektromotor angestrengt und agiert nicht so elegant, wie nach Erreichen der Betriebstemperatur. Aber diese Zeiträume sind überschaubar. Abstriche müssen beim Cayenne die Anhänger optimaler Rundumsicht machen. Und Komfort-Fetischisten werden auf Dauer das Fahrwerk selbst bei softer Einstellung als sehr bis zu straff empfinden – beides trifft aber auf alle Cayenne-Modelle zu.

Wer sich aber damit und mit den Eigenheiten der Hybrid-Antriebseinheit arrangieren kann, der findet im Porsche Cayenne S E-Hybrid ein je nach Einsatzgebiet relativ oder sehr sparsames SUV. Dafür muss er im Vergleich zum Schwestermodell Cayenne S (420 PS, 81.016 Euro) kaum Aufpreis zahlen, und mit der anderen vergleichbaren Variante Cayenne S Diesel (385 PS) liegt der Hybrid preislich exakt gleichauf. Der Diesel ist zwar in Sachen Drehmoment deutlich überlegen (850 Nm Drehmoment) und auf Langstrecke sparsamer. Aber es soll ja Zeitgenossen geben, die – warum auch immer – keine Selbstzünder mögen. In jedem Fall entpuppt sich der Cayenne S E-Hybrid als nur vermeintlicher Spritschlucker, der bei aller Sportlichkeit nachhaltige Fahrweise unterstützt.

Technische Daten Porsche Cayenne S E-Hybrid:

Fünftüriges SUV mit fünf Sitzplätzen, Länge/Breite/Höhe/Radstand in Meter: 4,86/1,94/1,71/2,90, Leergewicht: 2.350 kg, max. Zuladung: 700 kg, Kofferraumvolumen: 580 l – 1.690 l, Tankinhalt: 80 l.

Benzinmotor: Sechszylinder-V6-Benziner, Hubraum: 2.995 ccm, Leistung: 245 kW/333 PS bei 5.500 bis 6.500/min, maximales Drehmoment: 440 Nm bei 3.000/min bis 5.250/min. Elektromotor: Permanenterregter Synchronmotor, Leistung: 70 kW/95 PS bei 2.200 bis 2.600/min, maximales Drehmoment: 310 Nm bei 0 bis 1.700/min. Hybridsystem Leistung: 306 kW/416 PS bei 5.500/min, maximales Drehmoment: 590 Nm bei 1.250 bis 4.000/min. Beschleunigung 0 bis 100 km/h: 5,9 s, Höchstgeschwindigkeit: 243 km/h (elektrisch 125 km/h), Normverbrauch: 3,4 l Diesel je 100 km, CO2-Ausstoß: 79 g/km, Preis: 82.920 Euro.