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Erstes e-Lieferfahrzeug fährt geräuschlos durch die Innenstadt

Mit dem e-Crafter schickt Volkswagen das erste rein elektrische Nutzfahrzeug seiner Flotte auf die Straße und schielt damit auf alle gewerblichen Kunden, die sich innerhalb von 100 Kilometer Aktionsradius bewegen. Der Motor-Informations-Dienst (mid) hat den Stromer ausprobiert.

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Mit dem neuen e-Crafter hat VW seinen ersten rein elektrisch angetriebenen Lieferwagen im Programm. Ab September 2018 ist der e-Crafter im Handel.
© Volkswagen/TRDmobil

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Der Innenraum ist übersichtlich und zweckmäßig, alles sitzt am richtigen Platz. Die Verarbeitung und sie Ausstattung lassen keinen Raum für Kritik.
© Volkswagen/TRDmobil

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Wichtigste Information: Die Restreichweite. Dass der Tacho bis 160 geht, ist unnötig. Bei Tempo 90 ist mit dem e-Crafter Schluss.
© Volkkswagen /TRDmobil * Schon gelesen Link: Die erste Skizze vom neuen Sprinter

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Die Reichweite laut NEFZ beträgt 173 Kilometer, realistisch im Alltagseinsatz sind 100 bis 125 Kilometer, je nach Nutzungsverhalten.
© Mirko Stepan / mid/TRDmobil

(TRD/MID) Elektromobilität hat in Deutschland einen schweren Stand, bei gewerblichen Kunden noch mehr als bei privaten. 173 Kilometer schafft der e-Crafter laut NEFZ, im Alltagsgebrauch sind jedoch 100 bis 125 Kilometer realistisch, heißt es bei Volkswagen Nutzfahrzeuge. Und damit bediene man den Großteil der Kunden, die aufgrund der eigenen Analyse für den e-Crafter in Frage kommen. Denn die fahren im Schnitt 70 bis 100 Kilometer am Tag, sechs Tage die Woche, vor allem im innerstädtischen Lieferverkehr. Das habe die Auswertung von mehr als 210.000 Fahrprofilen ergeben.

Genau dafür ist der erste stromernde Transporter der Marke gemacht. Vor allem die sogenannte „letzte Meile“ wollen die VW-Strategen elektrifiziert bewältigen. Darauf ist das Anforderungsprofil des Neuen ausgelegt, Kurier- und Logistikdienste, Handwerksbetriebe, Einzelhändler, Energieversorger oder Shuttle- und Taxibetriebe stellt sich Volkswagen Nutzfahrzeuge als Kundenkreis vor.

In 45 Minuten ist er zu 80 Prozent an einer Schnellladesäule mit 40 kW (Gleichstrom) aufgeladen, eine volle Ladung dauert rund 75 Minuten. An der Wallbox mit 7,2 kW (Wechselstrom) dauert das Vollladen des 35,8-kWh-Akku 5:20 Stunden, das reicht immer noch fürs Stromtanken zwischen zwei Arbeitstagen.

Verluste an Laderaumkapazität müssen die Kunden durch die unter dem Laderaum versteckte Batterie nicht verschmerzen, denn die Elektro-Variante fährt mit den gleichen Werten vor wie der konventionelle Crafter, der mit Heck- oder Allradantrieb ausgerüstet ist. Das heißt in Zahlen: 2.590 Millimeter ist der Hochdach-Kastenwagen hoch, das Volumen des Laderaums beträgt 10,7 Kubikmeter. Die Durchladebreite liegt bei 1.380 Millimeter, die Laderaumhöhe misst 1.861 Millimeter. Die maximale Zuladung beträgt je nach Ausführung zwischen 0,975 und 1,72 Tonnen.

Zunächst wird es den Transporter ausschließlich in der Version L3H3 geben, also mit mittellangem Radstand (3.640 Millimeter) und Hochdach, allerdings in zwei Gewichtsklassen: bis 3,5 oder bis 4,25 Tonnen. Wer Anhänger ziehen möchte, muss auf Verbrenner zurückgreifen, eine Anhängerkupplung hat VW für den e-Crafter nicht im Programm. Das entspräche nicht den analysierten Nutzungsgewohnheiten der angepeilten Kundschaft, so die offizielle Begründung.

Die möchte vor allem zuverlässig ihre Touren bewältigen, und dafür ist der e-Crafter ein guter Partner. Zum einen überzeugt er mit einer sehr guten Serienausstattung, die mehr als nur einen Grund-Komfort bietet. Dazu gehören unter anderem ein Navi, Sitzheizung, Rückfahrkamera und ein Kollisionswarner mit City-Notbremsassistent. Auch an Bord: ein Warnsignal beim Rückwärtsfahren, damit Fußgänger und Radler nicht versehentlich in die Gefahrenzone huschen, wenn der e-Crafter geräuschlos rangiert.

Zum anderen bietet der Transporter E-Auto-typische Charakterzüge: Er legt aus dem Stand richtig flott los beim Tritt aufs Gaspedal. Das Drehmoment von 290 Newtonmeter liegt sofort an, was den Lastesel äußerst agil macht. Schluss ist allerdings schon bei Tempo 90, die Reichweite soll bei Autobahnfahrten nicht in den Keller gehen.

Zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig, aber nach einiger Zeit richtig komfortabel, ist die starke Bremswirkung, wenn der Fuß vom Gaspedal weicht., Dann rekuperiert der e-Crafter und bessert beispielsweise beim Zufahren auf eine rote Ampel den Akkustand und damit die Reichweite wieder auf. Nach etwas Eingewöhnungszeit lässt es sich so fast ohne Einsatz des Bremspedals im Stadtverkehr mitschwimmen.

Dank des fehlenden Motorengeräuschs macht das die Fahrt im Lieferwagen zu einer fast schon erholsamen Angelegenheit. Klar, wer täglich neun Stunden auf dem Fahrersitz verbringt, wird nicht von Erholung sprechen, aber ein gut gestalteter, ruhiger Arbeitsplatz ist auch nicht zu verachten. Zudem ist das Fahrwerk ausgewogen und macht keine Zicken, erinnert bei der Testfahrt durch Hamburg eher an einen Pkw als an einen Packesel. Das gilt auch für die gewählten Materialien im Innenraum. Die sind zwar so robust gehalten wie man es von einem Arbeitstier erwartet, wirken aber keineswegs billig – und auch die Verarbeitung stimmt.

Dazu kommt als echtes Plus ein durchschnittlicher Stromverbrauch von 21,54 kWh bei einer Zuladung von 975 Kilo. Das entspricht dem Energiegehalt von 2,1 Liter Diesel – undenkbar, mit einem vergleichbaren Crafter mit Selbstzünder diesen Wert zu erreichen. Allerdings liegen auch die Preise von e-Crafter (100 kW/136 PS) und herkömmlichem Crafter Welten auseinander. 69.500 Euro beträgt der Nettopreis, ein vergleichbarer Diesel würde bei rund 45.000 Euro liegen. Der e-Crafter dürfte also vor allem bei finanzkräftigen Großkunden und überzeugten E-Auto-Fahrern Punkte sammeln.